

Vitaminversorgung in Deutschland –
ein Grund zur Sorge?
Die öffentliche Diskussion um Vitamine mutet wie ein
Glaubenskrieg zwischen zwei Lagern an. Für eine Expertendiskussion über das strittige Thema führte die Universität Hohenheim deshalb am 5. Juli 2010 im LBBW-Forum die führenden Köpfe aus Wissenschaft und wissenschaftlicher Politikberatung zusammen – darunter den Herausgeber der Nationalen Verzehrsstudie, Prof. Dr. Gerhard Rechkemmer und den Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), Prof. Dr. Peter Stehle. Prof. Hans-Peter Liebig, Rektor der Universität Hohenheim, hielt in seiner Eröffnungsrede ein Plädoyer für die wissenschaftliche Sichtweise und kritische Dispute: „Das Feld darf nicht der Vielzahl selbst ernannter Ernährungspäpste überlassen werden.“
Die Diskussion drehte sich um folgende Fragen:
- Ist die Bevölkerung in Deutschland eher über- oder eher unterversorgt mit Vitaminen?
- Sind künstliche Vitamine als Zusatz zur Ernährung überflüssige bis schädliche Stoffe, die nur die Industrie bereichern?
- Oder handelt es sich um sinnvollen Gesundheitsschutz für das Individuum?
Zusammenfassende Aussagen der Experten zur Vitaminversorgung in Deutschland
Prof. Dr. Gerhard Rechkemmer, Herausgeber der Nationalen Verzehrstudie, Präsident des Max-Rubner-Instituts:
Außer für Vitamin D und Folsäure hat die Nationale Verzehrsstudie II gezeigt, dass die Versorgung der Deutschen im Vergleich mit den Referenzwerten gut ist.
Prof. Dr. Peter Stehle, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährung:
Auch internationale Studien zeigen, dass von den 13 Vitaminen die meisten ausreichend zugeführt werden. Probleme mit Vitamin D, Folat und evtl. Vitamin E ergeben sich aus dem Vergleich mit den Referenzwerten, die größere Sicherheitsspannen beinhalten.
Prof. Dr. Hans-Konrad Biesalski, Ernährungsmediziner, Universität Hohenheim:
Für die gesunde Bevölkerung stimmt das. Eine ausgewogene Mischkost ist eine sichere Grundlage für die Vitaminversorgung. Allerdings sind die Vitamine D, E und A nur in bestimmten tierischen Lebensmitteln zu finden. Das führt dazu, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen, die diese Lebensmittel nicht verzehren, davon auch sehr wenig aufnehmen. Im Moment ist der Weg der, Risikogruppen besser zu erkennen und besser zu beraten.
Prof. Dr. Berthold Koletzko, Pädiater, Universitätsklinikum München:
Erst jüngst wurde in München ein 2 ½ jähriges Kind mit schwerer Rachitis in die Klinik aufgenommen – was es eigentlich dank der Vitamin D-Prophylaxe nicht mehr geben dürfte. Die Vitamin D-Spiegel der Kinder sind generell am Anfang gut und brechen dann nach Ende der Vitamin D-Prophylaxe gravierend ein. Kinder halten sich seltener draußen auf, benutzen Sonnencremes mit extremen Lichtschutzfaktoren, usw.. Das alles kombiniert mit wenig Fisch, wenig Milchprodukten erhöht das Risiko für eine schlechte Vitamin D-Versorgung. In den USA wird daher eine Vitamin D-Supplementation während der Kindheit empfohlen. Kinder aus Migrantenfamilien sind besonders gefährdet. In der Schwangerschaft ist der Folsäuremangel weiterhin problematisch – eine Supplementation würde die Häufigkeit von Fehlbildungen bei Schwangeren aber auch die Rate an Koronaren Herzkrankheiten und Dickdarmkrebs in der Gesamtbevölkerung drastisch senken. Kinder aus gut gebildeten Familien, die vegan leben, haben schwere Schädigungen des Nervensystems durch Vitamin B12-Mangel. Adipöse Kinder haben oft niedrige Blutspiegel an fettlöslichen Vitaminen.
Prof. Dr. Ralf-J. Schulz, Geriater, Universitätsklinikum Köln:
Gängige Alterserkrankungen wie Osteoporose, Demenz, Darmkrebs etc. sind mit Vitaminmangel assoziiert. Es gilt also, Schlüsselvitamine zu identifizieren und für diese die Versorgung zu gewährleisten. 30% der älteren Patienten sind mangelernährt, und während eines Krankenhausaufenthalts wird dies durch die Erkrankung noch verstärkt. Aber: Eine generelle Vitamin-Substitution sollte auf Einzelfälle beschränkt bleiben, generell ist eine ausgewogene, bedarfsdeckende Ernährung anzustreben.
Prof. Dr. Stephan C. Bischoff, Ernährungsmediziner, Universität Hohenheim:
Ca. 80% der Erwachsenen sind adipös, sowie 15% der Kinder: Vielen davon fehlen Mikronährstoffe. Es ist selten an bestimmten Vitaminen festzuzurren. Vitamin D und C stellen gravierende Probleme dar. Die Gabe von Multivitaminpräparaten verspricht aber nicht die Lösung, da bei Adipositas evtl. auch Aufnahmestörungen oder ein erhöhter Bedarf an bestimmten Stoffen induziert wird.
Dr. Manfred Eggersdorfer, Senior Vice President, DSM Nutritional Products:
Laut Nationaler Verzehrsstudie II werden bei fast allen Vitaminen nicht die empfohlenen Mengen erreicht. Die Supplementierung von Vitamin D führt zu einer Reduktion von Knochenfrakturen um 50%. Nicht nur die Zufuhr ist zu niedrig, sondern auch die Empfehlung der Ernährungsgesellschaften.
Dr. Felicitas Witte, Freie Journalistin:
Das Kernproblem ist: Bestimmte Menschen könnten von einer Vitaminsupplementation profitieren. Bei Veganern, bei Schwangeren … es gibt Gruppen, da ist das Risiko bekannt. Bei den meisten fehlen aber Marker für den Vitaminstatus. Man darf auch nicht vergessen, dass die Risiken, also die Nebenwirkungen von Vitaminen, ganz schlecht untersucht sind. Auch die Frage „Bringt die Supplementation etwas?“ ist meist nicht geklärt.
Vitaminmangel – was ist das?
Koletzko: Klassischerweise ist das z. B. Skorbut bei Vitamin C, Rachitis bei Vitamin D, … alles Dinge, die uns heute weniger interessieren. Ist es eine Mangelversorgung, wenn in höherem Alter das Frakturrisiko steigt? Wenn der Blutspiegel niedrig ist?
Rechkemmer: Besonders problematisch ist die Frage bei der derzeitigen Diskussion um Vitamin D. Es gibt keine Daten zum Vitamin D-Status der Bevölkerung. Und wenn die Blutspiegel niedrig sind: Sollte man dann empfehlen, Vitamin D-Pillen zu nehmen, mehr in die Sonne zu gehen oder geringere Lichtschutzfaktoren zu nehmen?
Schulz: Mangel – das sind Symptome, aber zunehmend gestützt auf Laborwerte.
Zu viel – ist das ein Risiko?
Stehle: Es gibt Höchstmengen für fast alle Vitamine, wobei der wissenschaftliche Nachweis von Risiken schwer ist. Es ist aber durch die Vielzahl von vitaminisierten Produkten, die auch als Hilfsstoffe eingesetzt werden, mit unerwünschten Langzeiteffekten zu rechnen. Die DGE muss sich aufgrund des veränderten Lebensmittelangebots solchen Fragen stellen.
Biesalski: Kritisch wird es, wenn viele angereicherte Lebensmittel kombiniert werden. Deutliche, langfristige Überschreitung der physiologischen Dosierungen bergen ein Risiko, das 1-3fache der empfohlenen Tagesdosis gelten als unbedenklich.
Wie zuverlässig sind die Studien zu Vitaminen?
Biesalski: Diese Studien sind primär Humanstudien. Hier diskutiert werden nur die Studien, die sich mit Prävention beschäftigt haben. Nebenwirkungen haben sich nur bei hoher Dosierung gezeigt – eine Supplementation zum Ausgleich eines Mangels in der Ernährung ist diesbezüglich unproblematisch.
Gibt es Synergien zwischen Vitaminen und anderen Inhaltsstoffen?
Sind synthetische Vitamine besser oder schlechter als natürliche Vitamine?
Koletzko: Am Beispiel Folat zeigt sich, dass synthetische Vitamine manchmal besser sind.
Stehle: Ein Vitaminpräparat wird nie das Lebensmittel ersetzen. Die Logik ist: Die Menschen müssen mehr Obst und Gemüse essen. Supplemente können keine Lösung sein.
Biesalski: In der Nationalen Verzehrsstudie wurden viele Vitamine über Getränke, auch über angereicherte Getränke zugeführt.
Schulz: Es gibt Vitamine wie z. B. Folsäure, die sollten/müssen supplementiert werden.
Bischoff: Es ist richtig, dass gesunde Ernährung im Vordergrund stehen muss. Aber wir dürfen nicht ignorant sein: Dort, wo es erforderlich ist, muss eine Supplementation auch möglich sein – wenn der Endpunkt, sprich der Erfolg nachweisbar ist.
Rechkemmer: Die Evidenz für eine Wirkung fehlt oft – trotzdem werden Aussagen gemacht. Der Gemüsekonsum hat in den letzten Jahren durch Initiativen wie 5amTag oder dem europäischen Schulfruchtprogramm zugenommen – wenig, aber ein kleiner Erfolg. Wir werden nur nachhaltig etwas ändern, wenn wir bei der Ernährungsbildung unserer Kinder beginnen.
Hier reden alle nur von Risikogruppen. Die Werbung sagt aber ganz allgemein: „Sie bekommen keinen Herzinfarkt!“ Gibt es auch einen Nutzen für den Normalverbraucher? Ist die Wissenschaft hier wirklich unabhängig?
Stehle: Empfehlungen für die Nährstoffstoffzufuhr gelten für den Normalverbraucher. Die DGE hat seit langem die Anreicherung von Grundnahrungsmitteln mit Folat angeregt. Derzeit wird auch der Referenzwert für Vitamin D durch eine Arbeitsgruppe unter die Lupe genommen.
Biesalski: Der Vorwurf „Es gibt Vitaminbefürworter“ unter den Wissenschaftlern ist nicht haltbar. Hier werden Risiken aufgezeigt – wenn dies für Werbezwecke genutzt wird, so liegt das nicht in der Verantwortung der Wissenschaftler.
Stehle: Schwarze Schafe gibt es überall, aber die Wissenschaft allgemein ist unabhängig. Die DGE orientiert ihre Empfehlungen an wissenschaftlichen Erkenntnissen, nicht an Forderungen bestimmter Gruppen.
Woher soll der Verbraucher seine Information ziehen?
Presse und Internet haben einen hohen Stellenwert. Der Hausarzt ist als Ansprechpartner weiterhin wichtig, noch besser Fachärzte der Ernährungsmedizin. Nicht zuletzt sind Fachgesellschaften wie die DGE von größter Bedeutung. Allerdings muss die Bereitschaft vorhanden sein, sich intensiver mit dem Thema auseinander zu setzen – einfache, verallgemeinernde Ergebnisse gibt es nicht.
Teilnehmer der Diskussionsveranstaltung
Prof. Dr. rer. nat. Gerhard Rechkemmer, Herausgeber der Nationalen Verzehrstudie, Präsident des Max-Rubner-Institut
Prof. Dr. rer. nat. Peter Stehle, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährung
Prof. Dr. med. H. K. Biesalski. Ernährungsmediziner, Universität Hohenheim
Prof. Dr. med. Berthold Koletzko, Pädiater, Universitätsklinikum München
Prof. Dr. med. Ralf-J. Schulz, Geriater, Universitätsklinikum Köln
Prof. Dr. med. Stephan C. Bischoff, Ernährungsmediziner, Universität Hohenheim
Dr. rer. nat. Manfred Eggersdorfer, Senior Vice President, DSM Nutritional Products
Dr. med. Felicitas Witte, Freie Journalistin
Bericht, nicht von den Diskussionsteilnehmern durchgesehen:
Prof. Dr. Peter Grimm
DGE-BW e.V. und Universität Hohenheim
Schurwaldstrasse 37
73614 Schorndorf
Quelle: Sektion Baden-Württemberg der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V.





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